
- 13.06. Hunsrück Highlander Festival, Sohren
- 13.06. Rock am Markt, Veitsrodt
- 04.07. Weinschmaus am Katzenhaus, Perl
- 25.07. Kirmes, Mittelreidenbach
- 08.08. Sommerfest, Heuchelheim
- 22.08. Altstadtfest, Baumholder
- 29.08. Kirmes, Sabershausen
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Neues von Alex Breidt
die neue single "oh tannenbaum und Nazis raus" Verschwörungstheoretiker sagen: vom staat finanzierter müll. Hamburger sagen: Ohrwurm bänger. deine Mutter sagt: direkt in die playlist kloppen. mehr als das, ist der song ein aufruf für eine welt, in der alle sein und lieben können, wie sie wollen.

2048
Teil 1 - Die Fütterung
Lu wacht auf. Das Summen des Klimageräts im Ohr. Ein dumpfer Schmerz hinter den Augen. Die Luft in ihrer Mikrowohnung ist stickig, durchzogen vom schwachen Geruch des Desinfektionsmittels, das die Lüftung nicht ganz herausfiltert. Sie hasst diesen Geruch. Er erinnert sie an die Zeit, in der sie in den Elite-Towers geputzt hatte, bevor ihre Hände zu stark zitterten und die KI der Reinigungsfirma sie als ‚ineffizient‘ einstufte.
Draußen fliegen Werbedrohnen vorbei. Ihre LEDs flackern an der Wand:
„MoodPill™: Für jedes Gefühl die richtige Chemie. Jetzt mit 20% mehr Dopamin!“
Ein Blick aufs Handy. 237 Benachrichtigungen. LifeScore informiert sie: Schlafscore bei 68%. Stresslevel zu hoch. SocialScore wieder gefallen.
Empfohlene Lösung: Beruhigungs-Patch (19,99€/Monat).“ und " Teile jetzt einen Beitrag für +10 Punkte!“
Lu seufzt. Die Patches helfen nicht. Die Warnungen auch nicht.
„Konzerne, die unser Verhalten in Echtzeit analysieren und steuern. Das ist nix neues.“ denkt Lu. Aber die Menschen wollten die Zeichen vor 30 Jahren nicht sehen.
Die Stadt ist ein Organismus aus Stahl und Datenströmen.
Die Fabriken laufen seit Jahrzehnten fast ganz ohne Menschen. Sie produzieren Dinge, die niemand braucht, aber alle kaufen. Die Lagerhallen sind voll mit Ware, die nach wenigen Monaten im Müll landet. Die Müllverbrennungsanlagen arbeiten ununterbrochen, spucken giftige Dämpfe in den Himmel, der längst nicht mehr blau, sondern ein trübes Grau ist.
Die Menschen sind müde. Müde von der Müdigkeit.
Die Ärzte nennen es „Zivilisations-Erschöpfung“. Eine Mischung aus Burnout, Depression und einer ständigen, nagenden Angst. Die Pillen helfen. Für eine Weile. Dann braucht man stärkere.
Die Kinder wachsen mit Digital Nannies auf, die ihnen beibringen, wie man in einer Welt aus Daten überlebt. Sie lernen, wie man Aufmerksamkeit generiert, wie man Systeme austrickst, wie man sich selbst vermarktet.
Freiheit gibt es nur noch in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen.
Du darfst tun, was du willst – solange es dem System nützt.
Die Klimakrise hat ganze Länder unbewohnbar gemacht. Millionen Menschen sind auf der Flucht, getrieben von Dürren, Überschwemmungen und Hungersnöten. Und während an den Grenzen bewaffnete Drohnen die Klimaflüchtlinge wegschießen, läuft im Fernsehen die Werbung für den neuesten Climate-Adaptation-Pod:
„Überleben Sie den Klimawandel in Komfort!“
Das System funktioniert perfekt.
Die Maschinen sorgen dafür, dass niemand zu unglücklich wird.
Gerade so viel Hoffnung, um weiterzufunktionieren. Sie wissen, wie viel Rebellion gut für den Konsum ist. Wie viel Verzweiflung nötig ist, um nach Lösungen zu suchen – Lösungen, die immer käuflich sind.
Lus Handy vibriert wieder:
„Dein Stresslevel ist kritisch! Teile jetzt einen Beitrag!“
Sie blickt aus dem Fenster in den grauen Smog.
Irgendwo da draußen gibt es vielleicht noch etwas Echtes.
Aber Lu weiß, sie wird es nie finden.
Nicht, solange sie jeden Morgen vor derselben Wahl steht:
Funktionieren für das System. Oder untergehen.
Teil 2: Die Trägheit der Erschöpfung
Lu wählt an diesem Morgen gar nichts. Sie funktioniert einfach weiter, weil Aufgeben zu viel Energie kosten würde und das Verharren in ihrer Mikrowohnung den sicheren Hunger bedeutet. Ihr SocialScore ist zu niedrig für die Magnetschwebebahn. Also läuft sie zu Fuß. Ihr Weg führt sie tief in die „Graue Zone“. Das sind die kilometerlangen, feuchten Blocks im Schatten der gläsernen Sky-Ways, auf denen die Angestellten der Elite-Towers über den Smog hinwegrasen.
Während sie durch den rissigen Asphalt watet, gleitet ihr Blick über die Betonpfeiler, die die Trassen der Oberschicht tragen. Lu registriert die Umgebung mit der mechanischen Nüchternheit einer Ausgemusterten. Oben glänzt der polierte Verbundstoff der Elite-Infrastruktur; hier unten sammelt sich der ökonomische Bodensatz. Sie blickt in die Gesichter der Passanten, deren Züge dieselbe aschfahle Färbung tragen wie der Feinstaub in den ungefilterten Gassen. Niemand sieht auf. Jeder starrt auf das billige, flackernde Display in seiner hand, die Daumen in nervösem, permanentem Takt gefangen, um durch das Teilen von Phrasen den drohenden Score-Absturz um ein paar Nachkommastellen zu verzögern.
Überall staut sich das Kondenswasser der gigantischen Klimaanlagen von oben und tropft in schmierigen Fäden auf sie herab. Lu steuert ein scheinbar verlassenes Parkhaus an. Sie mag diesen Weg nicht. Er ist anstrengend, und jede Bewegung lässt ihren Puls in die Höhe schnellen, was ihr Handy sofort mit einer Vibrationswarnung quittiert. Aber im Parkhaus gibt es Amina. Und Amina hat manchmal Dinge, die den Schmerz im Kopf betäuben.
Das Parkhaus ist kein geschütztes Refugium, sondern ein überfüllter Wartesaal des Verfalls. Als Lu die ramponierte Betonauffahrt hinabsteigt, schlägt ihr die feuchte, stickige Dichte von dutzenden Körpern entgegen. Die weite, unverputzte Halle ist von einer bleiernen, kollektiven Apathie gelähmt. Entlang der fahrbaren Betonrampen und in den ehemaligen Parkbuchten hocken ganze Familienclans auf umgedrehten Plastikkisten und verschlissenen Schaumstoffmatratzen. Hier treffen die Wellen der De-Registrierung aufeinander. Drinnen riecht es untypisch – nach nasser Erde und „ist das Minze?“. Es ist ein improvisierter Zufluchtsort, den die Leute hier unten „Care-Hub“ nennen. Ein prätentiöser Name, findet Lu. Für sie ist es einfach ein Keller voller verzweifelter Menschen, die von den Elites ausgespuckt wurden. Da sind die illegalisierten Klima-Geflüchteten aus dem Süden, die an den automatisierten Grenzdrohnen vorbeigekommen sind und hier heimlich Hydrokultur-Gemüse ziehen. Und da sind die Abgehängten wie sie selbst, die durch KIs ersetzt wurden und nun versuchen, sich selbst irgendwie am Leben zu erhalten. Ein Lazarett für die Überflüssigen, denkt Lu bitter.
„Dein Zittern ist schlimmer geworden“, sagt Amina, ohne aufzusehen. Sie sitzt an einem Campingtisch und lötet mit einer Lupe alte Platinen um. Amina war mal Systemanalytikerin, soweit Lu weiss. „Die Reinigungs-KI hat mich letzte Woche final gesperrt“, antwortet Lu, lässt sich schwer auf eine Plastikkiste fallen und presst die zitternden Hände zwischen ihre Knie. „Mein Score reicht nicht mal mehr für die synthetischen Proteine im Automaten. Ich hab Hunger, Amina.“ Amina schiebt ihr eine Schüssel mit einer unidentifizierbaren, braunen Suppe hin. Sie riecht intensiv nach echter Erde, nicht nach den künstlichen Aromen der Konzern-Rationen. Kein Barcode zum Scannen. Umsonst.
„Die KI sortiert uns nicht aus, weil wir nutzlos sind, Lu“, sagt Amina ruhig, während sie weiterlötet. „Es sortiert uns aus, weil wir als Abfallprodukt profitabler sind.“ Lu zieht die Stirn in Falten. Das Hämmern hinter ihren Augen blockiert ihr Denken. „Was soll daran profitabel sein, wenn ich keine Miete mehr zahlen kann und kein Geld mehr habe, um deren Zeug zu kaufen?“ Amina blickt kurz von der Lupe auf. In ihren Augen liegt die kühle Nüchternheit einer Analystin, die Bilanzen liest. „Solange du gesund bist und putzt, verdient nur eine einzige Reinigungsfirma an dir. Du bist ein kleiner, privater Posten. Aber in dem Moment, in dem dein Score kollabiert und du offiziell als 'gesellschaftlicher Ausschuss' giltst, wechselst du den Besitzer. Der Staat hat die Verwaltung der Armen komplett an private Konsortien ausgelagert. Das läuft über staatliche Subventionen und Kopfpauschalen. Für jeden Obdachlosen, den die private Security aus den Sektoren prügelt, zahlt der Staat diesem Sicherheitskonzern eine Prämie aus Steuergeldern. Für jeden chronisch Kranken, der mangels Score aus der regulären Versorgung fliegt und in einem staatlichen Auffanglager landet, kassiert ein privater Pharma-Riese, um an diesen Menschen illegale Medikamententests durchzuführen. Und wenn du wie biologisches Material in die Server-Kühlung oder Gebär-Fabriken gesteckt wirst, spart die Elite teure Maschinen ein. Deine Armut ist kein Verlustgeschäft für den Markt, Lu. Sie ist eine künstlich geschaffene Industrie. Die Konzerne verdienen nicht mehr nur an deiner Kaufkraft. Sie verdienen an den gigantischen staatlichen Budgets, die für deine Verwahrung, deine Überwachung und deine biologische Verwertung bereitgestellt werden. Deshalb steigen deren Aktien, wenn wir fallen.“
Lu schluckt die heiße Suppe hinunter. Spar dir die sozialistischen Vorträge, denkt sie erschöpft. Deine Theorien füllen meinen Magen auch nicht. Sie will das nicht hören. Diese ständige Analyse ihrer eigenen Misere macht die Kopfschmerzen nur schlimmer.
Ein hohes, unheimliches Summen schneidet durch die feuchte Luft des Parkhauses. Eine Scouting-Drohne der städtischen Sicherheitsbehörden kreist draußen vor den Betonpfeilern. Diese Dinger jagen keine Diebe. Sie jagen das, was der Konzern-Algorithmus „ökonomische Inaktivität“ nennt. Menschen, die sich an Orten aufhalten, an denen sie keinen Mehrwert generieren. Mira, die vor Monaten aus den überfluteten Küstenlagern hierhergekommen ist, weicht panisch vom Fenster zurück. Sie hat an den Grenzen des globalen Südens erlebt, was passiert, wenn die Drohnen dich erfassen. Dort wurden Menschen nicht verhaftet, sondern de-registriert und direkt an die privaten Subunternehmer der Häfen überstellt. Wer offiziell gar nicht existiert, weil die Grenzkameras das Profil gelöscht haben, hat keine Rechte – er ist bloße, rechtlose Verfügungsmasse.
„Sie mappen das Viertel neu“, flüstert Mira und ihre Augen sind weit aufgerissen. „Wenn die Drohne uns hier drin registriert, schicken sie morgen die Räumungskommandos der privaten Security.“
Lu spürt, wie ihr das Herz bis zum Hals schlägt. Ihr Handy in der Jackentasche fängt an, hysterisch zu vibrieren – die algorithmische Stresswarnung. Sie will einfach nur wegrennen. Sie will sich in ihre winzige Mikrowohnung sperren, die Augen zumachen und so tun, als gäbe es das alles nicht. Die Angst droht sie komplett zu lähmen.
„Handys her. Sofort“, zischt Amina und hält eine schwere, mit Blei und Kupfer ausgekleidete Blechbox auf den Tisch. "Los, macht schon! Ein kurzes, fast mitleidiges Schweigen legt sich über die Runde. Bis auf ein paar Neulinge, die hastig und mit nervösen Fingern ihre Smartphones aus den Taschen nesteln und in der Box versenken, rührt sich niemand. „Amina, beruhig dich“, sagt eine raue Stimme leise und ihr Besitzer hebt die leeren Hände. „Wir sind seit drei Monaten hier. Die meisten von uns besitzen schon gar kein Handy mehr.“ Sie blickt kurz misstrauisch in die Runde, sieht die zustimmenden Nicker der anderen und sieht dann zu Lu. "Lu, dein Handy!"
Lu starrt auf ihr Display. Da steht es wieder: „Dein Stresslevel ist kritisch! Teile jetzt einen Beitrag für +10 Punkte!“ Das System bietet ihr einen Deal. Wenn sie jetzt online bleibt, den Algorithmus mit Daten füttert und sich brav tracken lässt, passiert ihr vielleicht heute nichts. Wenn sie das Handy in die Box legt, ist sie komplett sendetot. Illegal. Sie zögert. Der Drang, einfach zu gehorchen, um Ruhe zu haben, ist gigantisch. Aber sie sieht zu Mira, deren Augen vor Angst geweitet sind, und dann auf Aminas ungerührte, müde Züge. Wenn sie das Handy jetzt benutzt, verrät sie diesen Ort. Mit einem unterdrückten Fluch lässt Lu das vibrierende Gerät in die Blechbox fallen. Amina schlägt den schweren Deckel zu.
Im selben Moment wird es digital stockdunkel im Hub. Ein absoluter Daten-Blackout.
Draußen vor dem Parkhaus verharrt die Drohne in der Luft. Ihre Sensoren suchen nach den Funksignalen, nach den algorithmischen Lebenszeichen, die sie fressen kann. Doch für ihren Code ist dieser Ort plötzlich leergefegt. Wo keine Daten fließen, existiert für das System nichts. Nach einigen endlos langen Sekunden dreht das surrende Etwas ab und fliegt weiter in Richtung der hell erleuchteten Sky-Ways. Lu stößt den Atem aus, den sie unbemerkt angehalten hat. Der digitale Blackout hat die Drohne vertrieben, aber das dumpfe Hämmern hinter ihrer Stirn schlägt jetzt mit voller Wucht zurück.
„Sie kommen wieder“, murmelt Mira und starrt immer noch auf die leere Straße hinunter. „Morgen oder übermorgen. Sie hören nicht auf zu suchen.“ Amina reagiert nicht auf die Panik. Stattdessen greift sie in die tiefe Tasche ihrer abgewetzten Arbeitsjacke und zieht ein kleines, unscheinbares Objekt heraus. Es ist ein klobiger, schlecht isolierter Datenstick – schmutziges Plastik, das an den Kanten mit Isolierband zusammengehalten wird. Kein High-Tech-Produkt, sondern digitale Hehlerware. Sie legt den Stick mitten auf den Tisch. Lu starrt das Ding an. Ihr Magen zieht sich zusammen. Sie weiß genau, was solche Sticks in der Grauen Zone bedeuten. Das sind unverschlüsselte Offline-Daten. Wer damit erwischt wird, landet nicht im Erziehungscamp für Social-Score-Optimierung; wer damit erwischt wird, verschwindet einfach.
„Ich brauche jemanden, der den hier nach Sektor 4 bringt“, sagt Amina. Ihre Stimme ist flach, geschäftsmäßig. Frei von jedem Mitgefühl. „Zu den alten Wartungsschächten unter der Zentralbank. Übergabe an einen Logistiker namens Karl.“ „Vergiss es“, krächzt Lu. Sie presst die Hände gegen die Schläfen. „Ich bin keine Kurierin. Mein Score ist im Keller, wenn die mich mit Offline-Hardware filzen, nehmen sie mich mit.“ Amina sieht sie lange an. In ihren Augen liegt nur die kühle Berechnung des Überlebens. Sie greift noch einmal in ihre Tasche. Diesmal fördert sie ein kleines, durchsichtiges Blisterpack zutage. Zwei ovale, intensiv blaue Pillen. Neuro-Surg. Das Zeug, das die synaptische Überlastung der Reinigungs-KIs im Gehirn blockiert. Das einzige Medikament, das Lus Kopfschmerzen und das unkontrollierbare Zittern ihrer Hände stoppen kann. Auf dem Schwarzmarkt unbezahlbar für jemanden ohne Score.
Amina legt die Pillen direkt neben den Stick.
„Karl hat das Gegenmittel, Lu. Nicht bloß die Dosis für zwei Tage, die ich dir hier geben kann. Er hat die echten Blocker, die das Terminal in deinem Kopf dauerhaft schläfern legen“, sagt Amina leise. „Du schaffst den Stick zu ihm. Er gibt dir die Medikamente. Und das hier ist deine Anzahlung. Damit deine Hände auf dem Weg ruhig bleiben.“ Lu starrt auf das leuchtende Blau der Pillen. Sie nimmt die Schüssel mit der Suppe und schlingt ein paar Löffel hinunter, um Zeit zu gewinnen. Die Wärme tut gut, aber jeder Bissen fühlt sich an wie eine Niederlage. Um sie herum summt das Parkhaus. Mira flüstert in einer Sprache, die Lu nicht versteht, mit einem älteren Mann, dem ein halber Fuß fehlt – Diabetes, wahrscheinlich, die billigen synthetischen Proteine zerstören die Gefäße, und Insulin gibt es nur ab einem SocialScore von 85%.
Lu ertappt sich bei einem hässlichen Gedanken, den sie sofort wieder abschüttelt: Warum sind die überhaupt hier? Warum müssen wir sie jetzt durchfüttern? Es ist eh schon zu wenig für alle da. Sie schämt sich dafür. Aber es ist einfacher, wütend auf die zu sein, die man sieht, als auf die unsichtbaren Algorithmen. Um den Gedanken zu entfliehen, greift Lu nach der Blechbox und zieht ihr Handy heraus. Sofort vibriert es in ihrer Hand. Der Bildschirm leuchtet grell auf: „Dein SocialScore ist um weitere 2 Punkte gefallen! Wegen temporärer Inaktivität, droht Pfändung des Wohnraums! Opt-In: Schau dir 3 Werbevideos an, um dein Konto zu stabilisieren.“ Eine Ausfahrt. Ein winziges Zugeständnis. Sie müsste nur den Kopf senken, die Werbevideos für die neue MoodPill™ über sich ergehen lassen, ein paar Selfies teilen und sie dürfte in ihrer stickigen Mikrowohnung bleiben. Es ist die Verlockung der Normalität. Der Widerstand hier unten ist dreckig, gefährlich und riecht nach feuchtem Keller mit Minzgeschmack. Das System ist sauber, parfümiert und tötet einen wenigstens langsam.
„Lu?“, fragt Amina ungeduldig.
Lu sieht auf ihre zitternden Finger. Sie denkt an die Reinigungs-KI, die sie wie ein kaputtes Werkzeug weggeworfen hat. Sie weiß, wenn sie jetzt zurückgeht, wird sie die Videos schauen. Und morgen wieder. Und in zwei Monaten wird sie in einer Gosse liegen, weil die Miete trotzdem steigt. Hier unten gibt es keine Helden. Nur Erpressbare. Ihre Solidarität ist käuflich, weil das System sie so weit heruntergebrochen hat, dass ihr eigener Körper ihr größter Feind geworden ist. Klassenkampf im Endstadium, denkt sie bitter. Wir solidarisieren uns nicht, weil wir uns so lieb haben. Wir tun es, weil wir sonst einzeln verrecken.
„Ich bringe den Stick“, sagt Lu, und es klingt nicht mutig, sondern resigniert. „Aber ich laufe nicht durch die Graue Zone. Das ist mir zu gefährlich. Ich nehme die alten Versorgungstunnel unter der U-Bahn. Und ich will jetzt noch eine Ampulle von dem Zeug. Als Versicherung.“ Amina nickt flach, greift wortlos in die Tasche und schiebt ihr neben den Pillen eine kleine, unbeschriftete Glasampulle hin. Nur ein Deal unter Überlebenden.
Lu greift nach den zwei blauen Pillen und schluckt sie ohne Wasser hinunter. Dann schiebt sie den Datenstick und die Ampulle tief in ihre Jackentasche. Sie spürt kein Pathos, nur eine tiefe, bleierne Müdigkeit und den bitteren Geschmack der Suppe im Mund. Sie weiß nicht, ob das, was sie tut, richtig ist. Sie weiß nur, dass sie morgen die Pillen braucht.
Teil 3: Die negative Infrastruktur
Die Versorgungstunnel unterhalb der ehemaligen Linie 4 riechen nicht nach Urin oder Apokalypse. Sie riechen nach heißem Kupfer, Bremsstaub und Ozon – derselbe sterile, maschinelle Geruch, den Lu aus den logistischen Verteilzentren kennt. Alle fünfzig Meter brennt eine nackte, gelbe LED-Röhre, betrieben mit dem Reststrom der darüberliegenden Hochgeschwindigkeitstrasse. Ein Summen liegt in der Luft, so tief, dass Lu es eher in den Plomben ihrer Backenzähne spürt als im Ohr. Es ist das Vibrationsfeld der Magnetschwebebahnen, die zehn Meter über ihrer Schädeldecke die Privilegierten von Sektor 2 nach Sektor 1 schießen. Lu denkt an Amina. An das Parkhaus. An Minze. „Das war die längste Unterhaltung seit zwei Wochen“, dämmert ihr durch den Kopf. „Fuck!“
2039. Das war das Jahr, in dem die Kaskade ausbrach. Das Jahr, in dem das alte System endgültig kollabierte. Wissenschaftler hatten jahrzehntelang vor den Kipppunkten gewarnt – vor allem vor der globalen „Wasser-Pleite“. Doch als die großen Flusssysteme Eurasiens und Afrikas versiegten und die landwirtschaftlichen Böden durch die darauffolgenden Konflikte mit Schwermetallen verseucht wurden, brachen die sogenannten Ressourcenkriege aus. Es begann als regionaler Konflikt um die Staudämme am Blauen Nil und die schwindenden Gletscher des Himalaya, weitete sich jedoch rasch aus, als die Supermächte intervenierten, um sich die letzten unversehrten Süßwasserdepots und Agrarflächen zu sichern. Es waren schmutzige, technisierte Kriege. Ganze Landstriche wurden unbewohnbar, weil vitale Infrastrukturen wie Entsalzungsanlagen und Pipelines gezielt zerbombt wurden. Als die Lebensgrundlagen von Hunderten Millionen Menschen verdampften, kollabierten die alten Ländergrenzen unter dem Druck der gigantischsten Völkerwanderung der Menschheitsgeschichte. Und diese Völkerwanderung zog eine unsichtbare, verheerende Spur des Todes durch die Natur nach sich. Die logische Konsequenz für die Tierwelt war der Untergang. Wo hunderte Millionen flüchtender Menschen durch die letzten Wälder und Steppen zogen, gab es keine Rückzugsorte mehr. Um zu überleben, jagten die Hungernden alles, was sich bewegte. Wer kann es ihnen verübeln. Wilderei war kein Verbrechen mehr, sondern nackte Existenzsicherung. Gleichzeitig fraßen sich die hastig hochgezogenen Grenzmauern und Beton-Megacitys wie Krebsgeschwüre durch die letzten verbliebenen Ökosysteme. Das, wovor Biologen im frühen 21. Jahrhundert als „Sechstes Massenaussterben“ gewarnt hatten, war nun bittere Realität. Es gab sie einfach nicht mehr, all die Tiere aus Lus Kindheit. Elefanten, Tiger, Wölfe, sogar die meisten Singvögel – sie alle waren in den turbulenten Jahren nach 2034 endgültig von der Erde radiert worden. Die Nahrungsketten waren vollständig in sich zusammengebrochen. Die Tierwelt der neuen Ära war monoton, reduziert auf das, was der Mensch nicht ausrotten konnte: Ratten, die durch die Kabelkanäle der Tunnel huschten, Kakerlaken und aggressive, genetisch verarmte Stadttauben, die von den organischen Abfällen der Hydrokultur-Fabriken lebten. Eine karge, funktionale Fauna für eine karge, funktionale Welt.
Die Nationalstaaten, wie man sie aus den Geschichtsbüchern kannte, zerbrachen. Was übrig blieb, waren die technokratischen Allianzen der vier großen Sprachblöcke, die die überfüllten Megacitys mit eiserner Hand regierten. Um das unkontrollierbare Chaos der Sprachbarrieren in den urbanen Auffangzonen zu bändigen, griffen die Regierungen zu einer radikalen Maßnahme der inneren Sicherheit: der algorithmischen Gleichschaltung. Soziolinguisten nannten es damals „Linguizid zur Systemstabilisierung“. Es wurde unterteilt in die Hauptsprachen: Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch. Und die niederen Sprachen. Das waren alle anderen. Wenn du in niederen Sprachen sprichst, sinkt dein Social Score. Die städtischen Audio-Sensoren werten jedes gesprochene Wort im öffentlichen Raum in Echtzeit aus. Bruchteile von Sekunden entscheiden über den Status. Was als KI-gestützte Echtzeit-Übersetzung begann, um Barrieren abzubauen, wurde nach den großen Klima-Aufständen von 2039 zur Waffe umfunktioniert. Sprache wurde an den Social Score gekoppelt. Wer im Bus Arabisch, Farsi, Kurdisch oder auch nur ein gebrochenes Dialektmuster sprach, galt als Integrationsverweigerer und potenzielles Sicherheitsrisiko. Die Sensoren erfassten es sofort. Erst sank das Recht auf Mobilität, dann wurden die synthetischen Lebensmittelrationen gekürzt. Die Vielfalt wurde schlichtweg ausgehungert.
Lu hat das nie verstanden. Sie liebt andere Sprachen. Sie liebt den Klang von Worten, die nicht durch den Filter der totalen Effizienz gepresst wurden. Lu schließt die Augen. Die Dunkelheit hinter ihren Lidern fühlt sich sicherer an als die gleißenden Neonröhren der Stadt. Sie atmet tief ein, formt die Lippen und lässt die Erinnerung zu.
بُوسَة لِقَلْبَك – Bousa li-qalbak.
Ich küsse dein Herz.
Das hatte Mo ihr beigebracht. Damals. Vor dem großen Dekret, als die Welt noch atmete, anstatt nur zu funktionieren. Lu und Mo saßen nebeneinander in Geschichte. Sie hatte dieses Fach gehasst. Ein langweiliges Gerede über langweilige, längst verrottete alte Männer, die Kriege geführt hatten, deren Namen heute ohnehin niemand mehr fehlerfrei aussprechen konnte. Aber Mo war da gewesen. Mo mit diesen traurigen, unglaublich wachen Augen, die immer wirkten, als würden sie hinter die Fassade der Dinge blicken. Während der Lehrer vorne Monologe über die glorreiche Konsolidierung der europäischen Wirtschaftszone hielt – Worte wie rasselndes Blech –, schob Mo ihr immer wieder kleine, eilig zerrissene Zettel zu. Es war ein gefährliches Spiel gewesen. Ein irrsinniges Risiko. Die Kameras im Klassenzimmer scannten bereits damals die Tische, suchten nach Mustern, nach Abweichungen. Doch Mo war geschickter als ihre Algorithmen. Er nutzte den toten Winkel seines Rucksacks, seine Finger bewegten sich blind, fast wie im Traum. Er hatte ihr in dieser Zeit seine Sprache geschenkt. Stück für Stück. Jedes Wort auf diesen rauen Papierschnipseln war wie eine kleine, verbotene Schmuggelware gewesen. Ein Stück Wärme, das sie der kalten, algorithmischen Welt abgerissen und unter ihren Schulbänken versteckt hatten. Lu erinnerte sich noch genau an das Kratzen des Kugelschreibers, an das Gefühl, das Papier hastig im Ärmel verschwinden zu lassen, während ihr Herz wie wild gegen die Rippen hämmerte.
Bousa li-qalbak.
Ein plötzlicher Gedanke reißt Lu in die Gegenwart zurück. Hat sie es laut ausgesprochen? Hat sie es laut ausgesprochen? Wer weiß, ob hier im alten Tunnel nicht auch Mikrofone hängen? Die Sensoren sind mittlerweile so winzig wie Staubkörner. Die Stadtreinigung spült sie in die Ritzen des maroden Betons, wo sie jahrelang aktiv bleiben und nach Abweichlern suchen. Nach Menschen wie ihr, die die verbotenen Frequenzen der Vergangenheit atmen.
Lu geht langsam. Die zwei blauen Pillen fangen an zu wirken, aber nicht wie ein Rausch. Es ist eher das brutale Aussetzen eines Alarms. Das dumpfe Hämmern hinter ihren Augen flacht ab zu einem tauben, wattierten Druck. Ihre rechte Hand, die den Plastikstick in der Jackentasche umklammert hält, hört auf zu zittern. Es ist eine künstliche Ruhe, geliehen von der Pharmaindustrie, die sie eigentlich vernichtet. Ich bin ein kollaborierendes Zahnrad, denkt sie, während ihre abgetretenen Synthetik-Sohlen fast lautlos über den Betonboden gleiten. Lu starrt auf ihre zitternden Hände. In den schicken Glaskuppeln der Oberstadt ließen sich die Privilegierten in sterilen Privatkliniken bereits die ersten neuralen Synapsen-Verstärker und bionischen Muskelfasern einsetzen – die Anfänge jener Cyborg-Zukunft, von der die Tech-Konzerne so schwärmerisch faselten. Der Beginn einer biologischen Zweiklassengesellschaft. Lu verabscheute diese künstliche Optimierung des Homo Sapiens aus tiefster Seele; sie war die ultimative Unterwerfung des Körpers unter das Diktat der maximalen Leistungsfähigkeit. Und doch ertappte sie sich in letzter Zeit immer öfter bei dem brennenden, fast beschämenden Wunsch nach genau so einem illegalen Implantat. Nur ein einziges Subdermal-Upgrade im Oberschenkel, das die chronischen Schmerzen ausschaltete und sie physisch stark genug machte, um den täglichen Kontrollen der Security einfach davonzulaufen.
Der Tunnel gabelt sich. Ein schweres Stahlschott mit der verblichenen Aufschrift Wartung 04-B versperrt den direkten Weg. An der Seite prangt ein optischer Sensor – ein linsengroßes Auge, das im Sekundentakt schwach rot aufblendet. Lu bleibt zwei Meter vor dem Sensor stehen. Ihre Kehle ist schlagartig trocken. Auf dem Display ihres Handys, das sie in der Tasche spürt, flackert die Abrechnung auf: „Betreten von Sperrzone 4-B registriert. Unberechtigter Aufenthalt. Strafe: -25 SocialPoints. Ihr Profil ist für den Sektor-Grenzübertritt gesperrt.“ Das ist die Bürokratie für das unbefugte Betreten. Das kann sie überleben. Das bedeutet nur eine weitere Stufe des sozialen Abstiegs. Aber die wahre, lähmende Angst betrifft das kalte Stück Plastik in ihrer anderen Handfläche. Sie versucht nicht mal mehr, sich einzureden, dass sie das für Mira, Amina oder die Befreiung der Ausgemusterten tut. Sie tut es für die nächste Packung Blocker. Das System hat sie genau dort, wo es jeden haben will: isoliert in der eigenen biologischen Notwendigkeit. Der Kapitalismus hat den Widerstand nicht besiegt, indem er ihn verbot. Er hat ihn besiegt, indem er das Überleben so teuer gemacht hat, dass für Solidarität schlicht die Kalorien fehlen. Sie läuft hier nicht als Revoluzzerin. Sie läuft als Erpresste.
Wenn der Sensor an der Wand nicht nur ihre IP-Adresse abfragt, sondern den Nahbereichs-Frequenz-Scanner aktiviert, wird aus dem Punkteabzug eine wirtschaftliche Verwertung. Unverschlüsselte Offline-Daten gelten im Jahr 2048 als kriminelle Sabotage am Markt. Wer damit erwischt wird, fließt direkt in die „Zirkuläre Restwert-Optimierung“. „Jeder Schritt vorwärts“, denkt Lu, „ist ein russisches Roulette gegen die Hardware des Raumes.“ Sie drückt das Stahlschott auf. Zu ihrer Überraschung, gibt es sofort nach. Hinter dem Schott wird der Gang enger. Hier liegen die dicken, darmähnlichen Glasfaserkabel, die die Rechenzentren der Zentralbank mit den Kühltürmen am Fluss verbinden. Sie spucken Hitze aus. Die Lufttemperatur steigt sprunghaft an, Schweiß bricht Lu auf der Stirn aus. Sie denkt an den Mann im Parkhaus zurück, dem der halbe Fuß fehlte. An ihren eigenen, verächtlichen Gedanken: Warum müssen wir die durchfüttern? Die Erinnerung brennt heißer als die Kabel im Tunnel. „Wenn das Futter knapp wird, beißt man nicht den Wärter, sondern die andere Ratte, die näher am Napf sitzt.“, schießt ihr ernüchternd durch den Kopf. Es ist so viel einfacher, die Klima-Geflüchteten für die eigene Armut verantwortlich zu machen als eine serverbasierte Risiko-Matrix, die einen lautlos erwürgt. „Du bist kein Stück besser als die da oben“, flüstert sie in die Dunkelheit zwischen zwei LED-Röhren. Ihre Stimme klingt dünn, fast erbärmlich gegen das tiefe Summen der Magnetschwebebahn über ihr. „Du funktionierst genau nach deren Code.“
Vor ihr öffnet sich der Tunnel zu einem kleinen, quadratischen Kontrollraum. In der Mitte steht ein alter Schaltschrank, dessen Gehäuse aufgeflext wurde. Die Kabel hängen heraus wie bunte Adern aus einer offenen Wunde. Auf einer umgedrehten Kiste für Industriebatterien sitzt jemand. Ein junger Mann in einer sauberen, grauen Arbeitsuniform der städtischen Stadtwerke. Er hält ein mobiles Diagnosegerät auf den Knien und scrollt durch Datenreihen. Er blickt nicht einmal auf, als Lu den Raum betritt. „Du bist spät“, sagt er, während sein Daumen rhythmisch über den Touchscreen gleitet. „Die Bahn oben hat gerade die Taktung erhöht. In fünf Minuten schalten die Tunnel-Sensoren auf Frequenz-Tiefenscan, um Daten-Hehlerei vorzubeugen. Wenn die dich hier mit dem Stick scannen, liest dich das System direkt aus. Dann sehen wir uns nächste Woche in der Server-Küche von Sektor 1 wieder – du als Node-Kabel und ich als Techniker.“
Lu bleibt im Schatten des Eingangs stehen. Ihr Herz klopft wie verrückt, die Wirkung der Pillen wird von der schieren Panik überrollt. „Bist du Karl?“


